Wo immer mehr Effizienz gefragt ist, nimmt der Wert der Begegnung ab. Das mindestens könnte man meinen, wenn der Einsatz der Kommunikationsmittel in den Firmen untersucht wird. Schnell eine Mail vor dem nach Hause gehen, keine Zeit für gemeinsame Pausen, das Projektmeeting per Videokonferenz, Remote Teams, also Zusammenarbeit auf Distanz usw. bestimmen den beruflichen Alltag vieler Menschen.
Doch Effizienz ist in Beziehungsfragen das falsche Mittel. Mal schnell mit dem Sohn spielen. Ein effizientes Gespräch mit der Tochter, in fünf Minuten den Konflikt mit der Partnerin klären... Das funktioniert nicht. Weder im Privatleben noch im Geschäft. Im Gegenteil! Wenn Sie in Beziehungen effizient sein wollen, riskieren Sie den Verlust der Beziehung und die vielen positiven (Neben-) Effekte der Investition von Zeit in die persönliche Begegnung.
Tipp: Suchen Sie den persönlichen Kontakt, verbringen Sie gemeinsame Zeit, ersetzen Sie die Mail durch ein Telefonat und das Telefongespräch durch eine kurze Begegnung.
Oft versuchen wir die Themen zu verbergen, die uns besonders verletzlich machen. Die Illusion: Wer offen ist und sich mit seinen verletzlichen Seiten zeigt, gibt dem Anderen Macht und wird verletzt. Das Gegenteil trifft zu! Menschen nehmen viel mehr aufeinander Rücksicht, wenn Sie wissen, wo der Andere seine wunden Punkte hat, als wenn er sich als besonders hart und stark zeigt. Bei den „Harten“ und „Starken“ wird nach verletzlichen Teilen geradezu geforscht. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das Weiche, das Menschliche entdeckt und erforscht werden will.
Tipp: Zeigen Sie sich selber verletzlich und öffnen Sie sich. Das zeugt Vertrauen und Vertrauen ist ein wichtiger Beziehungsbeschleuniger. Zudem lädt es das Gegenüber ein, es Ihnen gleich zu tun.
Auch wenn unser Körper immer da ist, wo wir sind: Unsere Gedanken sind es deswegen noch lange nicht. In einer überfüllten Strassenbahn zum Beispiel nehmen wir die Menschen um uns herum kaum in ihrer Individualität wahr. Wir sind für uns und schotten uns gewöhnlich ab. Stellen Sie sich diese Abschottung als das eine Ende einer Präsenzskala vor. Am anderen Ende der Skala befindet sich das, was die Forscher „transformative Präsenz“ nennen. Das ist, wenn Sie mit ganzem Herzen für den anderen da sind, wenn Sie sich zuwenden, ein offenes Ohr haben, sich interessieren, neugieriger auf den anderen sind als auf sich selbst. Wenn Sie darauf achten, was Ihre Worte und Ihre nonverbale Kommunikation beim Gegenüber auslöst. In dieser Zugewandtheit entsteht das, was Physiker Resonanz nennen: Individuelle Schwingungen, die sich überlagern und so eine Art Gleichschwingung erzeugen. Sie können es auch eine „gleiche Wellenlänge“ nennen, wie der Volksmund das seit langem macht.
Tipp: Wenden Sie sich der anderen Person physisch zu. Gleichen Sie Ihre Körperhaltung und Ihre Sprache (Worte, Geschwindigkeit, Melodie etc.) an. Nehmen Sie Augenkontakt auf und halten Sie ihn. Suspendieren Sie Ihre eigenen Gedanken und hören Sie hin, was Ihr Gegenüber sagt: Ohne zu bewerten! Versuchen Sie zu verstehen. Nicken Sie, wenn Sie etwas verstanden haben. Fragen Sie nach, wenn Sie es nicht verstanden haben. Wiederholen Sie die besonders wichtigen Sätze mit Ihren eigenen Worten.
Jede Form von Ähnlichkeit schafft unmittelbar Sympathie. Wenn Sie Gemeinsamkeiten entdecken, egal welcher Art diese sind wie zum Beispiel Interessen, Name, Haarfarbe, Wohnort, Auto, Körperbau etc., bilden Sie mit dieser anderen Person etwas, was die Psychologen eine „In-Group“ nennen. Menschen der gleichen „In-Group“ neigen dazu, andere Mitglieder dieser Gruppe in besserem Licht zu sehen als Leute ausserhalb der Gruppe. Je mehr Ähnlichkeiten Sie mit einem anderen Menschen haben, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich gut verstehen.
Tipp: Suchen Sie beim Gegenüber nach Gemeinsamkeiten und betonen Sie diese. Solche Gemeinsamkeiten entdecken Sie am besten mit Nachfragen nach Interessen, Hobbies, Herkunft, Familienmitgliedern, biografischen Ereignissen, besuchten Schulen, Reisezielen, Träumen usw.
Wenn Sie Ihre Schwierigkeiten oder grossen Herausforderungen anderen mitteilen oder noch besser, diese gemeinsam durchstehen, dann erzeugen Sie Nähe und bauen emotionale Hürden ab. Sie schaffen zusammen ein Gefühl der Solidarität und damit einen ganz besonderen Kitt.
Tipp: Identifizieren Sie in Ihrem Team, im Verein oder auch in der Familie zusammen die grossen Herausforderungen, an die sich der einzelne nicht heranwagt oder Angst davor hat, nicht zu bestehen. Packen Sie diese gemeinsam an und gehen Sie das Wagnis zusammen an. Auch körperliche Anstrengungen eignen sich dafür ganz gut: Eine anspruchsvolle Wanderung, eine lange Biketour und Ähnliches.
Zum Schluss: Untersuchungen zeigen, dass sich die Investition in Beziehungen nicht nur im Privatleben, sondern auch in der Arbeitswelt lohnen. Menschen, zwischen denen die Chemie stimmt, trauen sich, auch schwierige Themen mit kontroversen Meinungen zu diskutieren und einen konstruktiven Streit auszutragen, womit sie zu besseren Lösungen kommen. Sie sind insgesamt produktiver und arbeiten so erfolgreicher als auf vermeintliche Harmonie bedachte Teams. Und im Privatleben? Na, funken Sie doch einfach mal!